Schädlingslexikon

Messingkäfer [Niptus hololeucus, Faldermann 1836]

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Dr. Reiner Pospischil, Leverkusen

engl.: Golden Spider beetle; franz.: Ptine dore; span.: Cascarudo amarilento)


Der Messingkäfer dürfte seine eigentliche Heimat im Gebiet des Schwarzen Meeres haben. Wie Funde bei archäologischen Arbeiten gezeigt haben, wurde er schon im l. und 2. Jahrhundert nach Christi Geburt mit Verpflegungstransporten der römischen Besatzungstruppen nach England und Westdeutschland (Mainz) gebracht, wo er auch noch im 15. und 16. Jahrhundert (in Fäkaliengruben in Neuss am Niederrhein) gelebt haben muß. Erst seit 1837, wo er zum ersten Mal in England an Schweinsborsten aus Südrußland gemeldet wurde, wird er in zunehmender Häufigkeit aus Europa als eingeschleppter Wohnungsschädling im entomologischen Schrifttum genannt. Während seine Larven ziemlich verborgen an pflanzlichen Abfallstoffen leben, sind die oft massenhaft in Wohnungen herumwandernden Käfer sehr auffallend und für viele Menschen ekelerregend. Wenn auch die Käfer nicht so schädlich sind, wie man in den ersten Jahren ihres Massenauftretens geglaubt hat, so können sie doch unter günstigen Umständen an allerlei Vorräten und Textilien recht unangenehm werden.


Aussehen

Ei: weiß, später gelblich, 0,6mm x 0,5mm, mit klebriger Oberfläche. Larve: Eilarve 1,5mm, erwachsene Larve 5 bis 7mm lang, weißlich bis gelblich. Puppe: 3 bis 4mm. Imago: etwa 4 mm, messingfarben auf Grund einer dichten Behaarung.

Der zu den Diebkäfern (Ptinidae) gehörende 2,6 bis 4,6 mm große, auf dunkelrotbrauner Haut anliegend kurz und dicht messinggelb behaarte Käfer hat ein spinnenähnliches Aussehen, da sein den Kopf überragender Halsschild durch eine Einschnürung am Hinterrand von den fast halbkugeligen, bis auf die Bauchseite reichenden Flügeldecken deutlich abgesetzt ist und die den Beinen an Länge fast gleichen Fühler bei flüchtiger Betrachtung als ein 4. Beinpaar angesehen werden können. Die Haare auf den Flügeldecken sind bei älteren Tieren oft teilweise oder ganz abgerieben und lassen dann feine Punktstreifen darunter erkennen. Die Schenkel aller Beine sind in der äußeren Hälfte keulenartig verdickt. Hinterflügel fehlen, weshalb die Käfer nicht fliegen können. Die langovalen, anfangs weißen, später mehr hellgelben 0,6-1 x 0,4-0,6 mm großen Eier sind bei der Ablage mit einem klebrigen Sekret überzogen, wodurch sie nicht nur an der Unterlage festkleben, sondern auch Nahrungs- und Schmutzteilchen auf ihrer Oberseite festhalten, sie sind dadurch nur schwer auffindbar. Die frisch geschlüpft 1,5 mm und erwachsen 5 bis 7 mm langen, zuerst weißen, später gelblichen Larven sind spärlich, nur am Hinterleibsende dichter mit seidig glänzenden Haaren besetzt, ihre Kopfkapsel ist hellbraun und ihr Körper gedrungen, fleischig und etwas nach unten zusammengekrümmt. An den 3 Brustringen sitzt je ein Paar gut entwickelter Beine. Charakteristisch ist ein in seiner Form an einen Kleiderbügel erinnernder brauner Fleck vor der Afteröffnung. Die 3,4 bis 5,4 mm lange elfenbeinfarbige Puppe liegt in einem dünnwandigen, zerbrechlichen, eiförmigen Kokon, den die Larve aus einer Ausscheidung des Darmkanals gesponnen hat; auch er ist wie die Eier durch Überkleben mit Schmutz- und Nahrungsteilchen gut getarnt.


Vorkommen und Schadbild

Vor allem in alten, feuchten Häusern, besonders wenn Fußböden und Wände mit organischen Dämmstoffen (Heu, Stroh, Häcksel) gefüllt sind. In Lagern von Drogen und Produkten tierischer Herkunft (Häute, Felle, Knochen, Leder), Brauereien usw. Tritt häufig auf, wenn z. B. Futtermittel lange unkontrolliert aufbewahrt werden.

Die Bedeutung des Messingkäfers als Vorratsschädling ist gering. Wichtiger ist er als Zerstörer von Materialien wie Textilien, Leder, Papier, Verpackung aller Art. Die Käfer zernagen außerdem auf ihren Wanderungen durch die Wohnungen auch noch alle möglichen anderen Stoffe wie Textilien aller Art, Leder, Bürsten, Federn, Bücher, Papier usw.; aus Textilien ziehen sie mit ihren Mundwerkzeugen Fäden heraus, um sie dann zu durchnagen. Es entstehen so in dünnen Stoffen rundliche Löcher mit ausgefransten Rändern. An Plüsch und ähnlichen Geweben weiden sie die abstehenden Fasern ab, wodurch das Grundgewebe zutagetritt. Bei einem Massenauftreten in allen Räumen eines Hauses, was wegen seiner verborgenen Entwicklungsorte häufig vorkommen kann, ruft er bei Hausbewoh-nern starkes Unbehagen bis zu psychischen Schäden hervor. Die Larven, die außer an pflanz-lichen Abfallstoffen auch trockene pflanzliche Vorräte wie Drogenwurzeln, getrocknete Blätter, Samen usw. zerfressen, hinterlassen kein charakteristisches Fraßbild. Nur die Puppenkokons deuten auf ihre Anwesenheit. Häufiger werden sie einfach durch ihr massenhaftes Auftreten in allen Räumen eines Hauses besonders in den Herbst- und Wintermonaten lästig, wobei sie in Schüsseln, Töpfe und Tassen, Badewannen und Waschbecken geraten, woraus sie nicht mehr herauskommen können, oder auch in die Schränke zwischen Wäsche und Kleider, in Betten und Schuhe.


Biologie und Verhalten

Die Entwicklungsdauer der einzelnen Stadien bei 20 °C ist der Grafik zu entnehmen. Die Anzahl der Eier dürfte 100 je Weibchen selten überschreiten. Die fertig entwickelten Larven wandern zur Verpuppung meist ab und befestigen einen Kokon an Gegenständen. Aber auch im Fraßsubstrat ist eine Verpuppung möglich. Die Imagines wandern sehr viel umher. Ihre Nahrung ist mit der der Larven identisch. Sie können nicht fliegen.

Die Eier werden einzeln an das Nährsubstrat der Larven abgelegt. Letztere laufen kaum umher, wenn sie in einer ihnen zusagenden Nahrung leben. Hauptsächlich Linie fressen sie kohlenhy-dratreiche Stoffe wie trockene pflanzliche Vorrä-te, Samen, Arzneidrogen, Kräutertee, Herbar-pflanzen, Kakao, besonders häufig Getreidepro-dukte wie Schrot, Kleie, Mehl, Haferflocken, Kaff (Spreu und andere Abfälle beim Dreschen), Häcksel, Stroh usw., zusätzliche tierische Kost, z. B. tote Insekten, fördert ihre Entwicklung. Aber auch an rein tierischen Stoffen können sie leben, z. B. an Badeschwämmen, Häuten oder Fischmehl. Bei ihrer Zucht an letzterem zeigte es sich allerdings, daß dabei ihre Sterblichkeit sehr groß ist und die Entwicklung nur langsam fortschreitet, erst bei Zusatz von Bierhefe (B-Vitaminen) verläuft sie besser. Nach Beobachtungen in England ist ihre Entwicklung auch in Wollabfällen möglich. Häufig leben sie auch in Mäuse- und Rattenkot, der ebenso wie Kaff, das früher häufig als Füllmaterial für Zwischenböden verwendet wurde, die Quelle für das Massenauftreten von wandernden Käfern in den Häusern bildet. Schließlich hat man sie auch als Bewohner von Vogelnestern, besonders den hausnahen von Tauben, Sperlingen, Schwalben und Dohlen, von Wespennestern und Bienenstöcken gefunden. Die Larven durchlaufen normalerweise 3 Stadien, bei schlechten Entwicklungsbedingungen auch 4 oder mehr. Ihre untere Entwicklungsgrenze liegt bei 10 °C und 50% r. F.; optimal für ihre Entwicklung sind 19° bis 23 °C, während bei 25 °C und 75% r. F. bereits die Absterberate der Larven sehr hoch (87%), die Lebensdauer der Weibchen und die Zahl der von einem Weibchen gelegten Eier (46 im Durchschnitt) stark reduziert ist. Unter optimalen Bedingungen (bei 20 °C, 70% r. F. und Weizenschrot als Nahrung) liegen diese Zahlen bei 21% und 152 Tagen (wenn das Weibchen Wasser trinken kann, bis zu 223), und Eizeit, Larvenentwicklung und Puppenruhe währen durchschnittlich 14, 75 und 15 Tage. Dazu kommt noch ein Verweilen der Käfer bis zu ihrer vollständigen Ausfärbung im Puppenkokon von 18 Tagen, so daß die Gesamtentwicklung vom Ei bis zum Erscheinen der Käfer gut 4 Monate währt. Die Käfer müssen dann erst einen Reifefraß machen, bevor sie geschlechtsreif sind und Begattung und Eiablage erfolgen kann. Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen und leben etwas länger, bei 20 °C etwa 5,5 Monate und bei Trinkmöglichkeit noch länger. Die Käfer wandern hauptsächlich in der Nacht herum und richten mehr Schaden durch Zernagen von allen möglichen Stoffen an, als sie für ihre Ernährung brauchen. Gewöhnlich wird eine Generation im Jahr gebildet, ausnahmsweise unter besonders guten Bedingungen auch 2. Auffallend ist, daß durch Renovierungsarbeiten in alten Gebäuden offenbar die Massenentwicklung von jahrelang unbemerkt vorhandenen Populationen angeregt wird, so daß nachher eine Masseninvasion der Käfer in allen Räumen erfolgt. Andererseits geht die Entwicklung so langsam vor sich, daß nur Vorräte ernstlich geschädigt werden können, die eine sehr lange Lagerzeit haben.


Ökologie

Temperatur: Minustemperaturen können ertragen werden. Das Optimum liegt relativ niedrig (etwa 20 bis 22 °C) und ab 25 °C sind die Lebensprozesse (Eiablage, Entwicklung, Überleben) meist schon negativ beeinträchtigt. Der Entwicklungsnullpunkt ist etwa 10°C. Feuchtigkeit: Der Messingkäfer kann einerseits Trockenheit vertragen, bevorzugt andererseits aber eine gewisse Feuchtigkeit. Die Imagines nehmen Wasser auf, wodurch die Zahl der Eier wesentlich erhöht werden kann. Licht: Die Käfer sind dämmerungs- und nachtaktiv. Nahrung: Die erwachsenen Käfer können längere Zeit ohne Nahrung leben.


Gegenmaßnahmen

Wirksam sind nur Vernichtung am Entwicklungsort, was oft mit baulichen Veränderungen verbunden ist, z. B. Beseitigung von organischen Materialien in Decken und Wänden.




Larve des Messingkäfers



Imago
(Ausgewachsenes
Exemplar) des
Messingkäfers

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